Praktikum im Flüchtlingsheim

Ein Freund macht ein Praktikum in einem Flüchtlingsheim in Berlin. Das Heim ist eine Sporthalle. Sein Job ist es, sich um Kinder, die keinen Platz in einem Kindergarten gefunden haben, zu kümmern. Seine Vision: den Kindern eine Chance zu bieten, sich in eine Gesellschaft integrieren zu können, die kein patriarchales Verhaltensmuster als Erfolgsgarantie im Leben voraussetzt. Respekt!

Respekt in zweierlei Hinsicht:

Erstens, weil die Heimleitung keine ersichtlichen Hausregeln aufgestellt hat, die verbindlich für das gesamte "Lager" sind - die zehn Gebote mal ausgenommen. Der Praktikant kommt voller Elan um zehn Uhr vormittags an und will sich mit den Kindern beschäftigen. Die aber sind manchmal noch nicht aufgestanden. Der Praktikant bemüht sich um eine klare Tagesstruktur, die von den Kindern ignoriert wird, sobald die Eltern erscheinen, denn eine Turnhalle soll wegen Brandvorschriften keine Bereiche haben, die nicht komplett einsehbar sind. Der Praktikant sucht nach einer Möglichkeit, die Kinder von den Eltern für die Stunden seiner Arbeitszeit zu isolieren, um sie an einen voraussehbaren, planbaren und somit stabilisierenden Tagesablauf heranzuführen. Das tut er nicht in böswilliger Absicht, sondern um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu bündeln und eine erzieherische Autorität aufzubauen. Zugleich sieht der Praktikant sich aber nicht als patriarchalische Autorität, sondern als Chancenbieter für einer bessere Zukunft. Die Eltern ihrerseits, vor allem die Mütter, sollen in den Deutschen unreine Menschen sehen. Was für eine Farce! Das Chaos, die Unsicherheit, die gesetzlich-bürokratischen Hürden, die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Versuch, vielleicht demografischen Vorteil aus der Situation zu ziehen, scheinen den Umgang mit Flüchtlingen zu bestimmen. Ich selbst kenne keinen Flüchtling und bin auch nicht bereit, "zivilgesellschaftliche" Verantwortung für eine Entscheidung zu übernehmen, die ein überforderter Staat getroffen hat. Flüchtlinge sind zwar entwurzelt, hypertrophieren möglicherweise ihre Herkunft, Traditionen, Bräuche etc., um psychische Stabilität zu halten, aber sie sind in erster Linie Menschen, die - meiner Meinung nach - mit klaren Regelsätzen zu Tagesabläufen in ihrem Asyl konfrontiert werden sollten. Klingt vielleicht wie AfD, ist es aber nicht. Wer Interesse an einer "Operationalisierung" von Regelsätzen für Asylsuchende oder Flüchtlinge hat, kann sich gern mit mir in Verbindung setzen.

Zweitens Respekt, weil der Praktikant sich als aufklärerischer Genius sieht. Irgendwie erscheint mir mein Freund als David, der mit seiner Steinschleuder gegen einen übermächtigen Gegner aufbegehrt. Dieser Gegner ist in meinen Augen immer nur ein virtueller, eine Machtmanifestation der Moderne, die bei der Vaterfigur der bürgerlichen Kleinfamilie beginnt und es irgendwie in die Figur des pöbelnden, gewalttätigen, rüpelhaften Arabers geschafft hat. Der Praktikant sucht die Kinder, um die es letztlich geht, zu schützen, ihnen eine Chance auf eine andere Verhaltens- und vielleicht auch Denkweise zu geben. (Oh, vergib mir, Praktikant, dass ich dich so sehr ins Gespräch ziehe!)

Und eigentlich gibt es noch einen dritten Respekt zu zollen: Die Hoffnung, die der Praktikant auf die Zukunft der ihm überantworteten Kinder hat.

Posted on Jan 13, 2017